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meine Bilder und Kurzgeschichten



Das Kunstwerk ist eine imaginäre Insel, die rings von Wirklichkeit umbrandet ist.   

José Ortega Y Gasset


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Nicht die Abbildung der Wirklichkeit ist das Ziel der Kunst, sondern die Erschaffung einer eigenen Welt.

Fernando Botero


Aquarell und Mischtechnik




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Nachdem ich früher eine naturgetreue Wiedergabe versuchte, strebe ich heute nach einer fantasievoll veränderten Darstellung. Ich will etwas Neues erschaffen: eine irreale und geheimnisvolle Wirklichkeit. Mein Motto: "Farben, Formen, Fantasie"

 

Neben dem Malen habe ich das Hobby, Kurzgeschichten und philosophische Abhandlungen zu schreiben.

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eine Kurzgeschichte

             

                                               Aisha



Schon am frühen Morgen lastete eine unangenehme Hitze auf dem Land. Tom wischte sich den Schweiß von der Stirne. Dass Nigeria heiß sein würde, war ihm von Anfang an klar gewesen. Das Wissen darum ist eine Sache, aber eine andere ist es, die Hitze auf Dauer zu ertragen. Tom war ein dreißigjähriger sportlicher Mann – aber jeden Tag diese Temperaturen, das machte ihn manchmal fertig. 

Nördlich der nigerianischen Hauptstadt Abuja wurde ein Umspannwerk gebaut. Dort war Tom als deutscher Ingenieur im Auftrag eines großen Konzerns für eine begrenzte Zeit tätig. Die Arbeit nahm ihn voll in Anspruch. Dienstlich lief vieles zu seiner Zufriedenheit, aber einiges klappte nicht so, wie es geplant war. Tom verstand sich mit den Kollegen aus Europa und aus Nigeria gut. Er hatte keine Vorurteile gegenüber Afrikanern, Berührungsängste kannte er nicht. 

Im Grunde war Tom mit seinem Beruf und mit seiner Aufgabe in Afrika zufrieden, doch etwas fehlte ihm. Schon Wochen vor seiner Abreise nach Afrika hatte er sich von seiner deutschen Freundin getrennt. Seitdem war er ein Single. Der Mensch lebt nicht alleine von der Arbeit, er braucht auch menschliche Nähe und manchmal auch Zuneigung und Zärtlichkeit. Tom vermisste weibliche Nähe. Das würde noch längere Zeit so bleiben, dachte er. In dem fremden Land müsste er sich an das Alleinsein gewöhnen.


Tom bewohnte eine kleine, einfach eingerichtete Wohnung im ersten Stock eines zweigeschossigen Hauses. Es lag in einer ländlichen Region, nördlich von Abuja. Für die meisten Afrikaner wäre diese Unterkunft ein unerreichbarer Luxus gewesen, doch der verwöhnte europäische Ingenieur fühlte sich dort nicht sonderlich wohl.

Das Haus gehörte einer freundlichen Nigerianerin namens Maimuna. Sie war Witwe und wohnte im Erdgeschoss. Wie viele Nigerianer sprach sie gut Englisch, die offizielle Landessprache. Tom schätzte das Alter von Maimuna auf Mitte bis Ende vierzig. Wegen des Klimas und des harten Lebens sah sie älter aus. Sie putzte die Wohnung von Tom und wusch, trocknete und bügelte seine Wäsche. Die Miete, die Entlohnung für das Putzen und die Pflege der Wäsche sicherten ihr ein bescheidenes Einkommen.

Das Verhältnis zwischen Tom und Maimuna war ausgesprochen gut. Es war geprägt von gegenseitigem Respekt und Ehrlichkeit. In alltäglichen Dingen halfen sie sich gegenseitig. Zum Beispiel nahm Tom sie in seinem Dienstwagen mit, wenn er zum Markt fuhr.

Tom konnte mit Maimuna über vieles offen sprechen, denn sie hatte aufgeklärte und fortschrittliche Ansichten und war gut informiert. Oft gab sie dem Mann aus dem fernen Europa wertvolle Ratschläge, wie er sich in dem afrikanischen Land verhalten müsste. Vor allem sollte er darauf achten, bei den Nigerianern nicht durch Überheblichkeit und Besserwisserei unangenehm aufzufallen. Für Tom war dieser Hinweis nicht erforderlich, denn er war von Natur aus ein eher bescheidener Mensch mit sympathischer Ausstrahlung. Seine Kollegen mochten ihn.

Maimuna warnte Tom immer wieder eindringlich: „Sie müssen sehr vorsichtig sein. In Nigeria gibt es wirklich viel Kriminalität. Oft werden Ausländer bedroht, erpresst oder ausgeraubt! Oder sie werden sogar entführt und erst gegen ein hohes Lösegeld freigelassen. Seien sie Fremden gegenüber äußerst misstrauisch!“ 

Manchmal sprach Maimuna über die islamistische Miliz Boko Haram. Alleine die Erwähnung dieses Namens löste bei ihr schon unangenehme Emotionen aus. Es schien, als hätte sie selbst oder jemand aus ihrem Bekanntenkreis schlimme Erfahrungen gemacht. Tom wusste aus den Medien, dass diese Terrororganisation viele Schulmädchen entführt und als Sklavinnen gehalten hatte. „Dies ist nur ein kleiner Teil der vielen Verbrechen“, betonte Maimuna. „Ich glaube, dass die europäischen Medien nicht viel über Nigeria berichten. Die Europäer wissen nicht, was hier Schreckliches geschieht, und sie wollen es auch gar nicht wissen. Afrika ist ja so weit weg!“

„In Nigeria herrschen enorme soziale Spannungen“, erklärte Maimuna. „Ich kenne mich gut aus.“ Sie beschrieb oft die Armut und die Verzweiflung der Menschen und die Aussichtslosigkeit, diesem elenden Schicksal zu entfliehen. 

„Ist das nicht der ideale Nährboden für Kriminalität aller Art?“ fragte sie. „Hinzukommt das außerordentliche Bevölkerungswachstum in unserem Land, das die Probleme in den folgenden Jahren noch vergrößern wird. Welche Träume hat die junge Generation? Wie sieht ihre Zukunft aus? Haben die jungen Menschen eine Chance auf ein besseres Leben?“ 

Armut, Krankheit, Kriminalität, eine ungewisse Zukunft und dazu dieses heiße Klima – wie könnten die Menschen das alles ertragen, fragte sich Tom. Ein hartes Leben forme den Menschen äußerlich und innerlich, dachte er. Vielen Nigerianern sah er die tägliche Last des Lebens und das Elend an. Diese Bilder bedrückten ihn und gingen ihm nicht aus dem Kopf. Oft fühlte er sich in seiner Haut nicht wohl, und dann fragte er sich, mit welchem Recht er das Privileg besäße, in Europa geboren zu sein und eine gute Ausbildung und einen sicheren Beruf zu haben?

Tom sah sich in Nigeria in eine fremde Welt versetzt, in eine harte, unerbittliche Welt, die es mit ihren Bewohnern nicht gutmeinte. Die unmittelbare Konfrontation mit dieser Wirklichkeit war für Tom eine tiefgreifende Erfahrung, die alles, was er über dieses afrikanische Land gelesen hatte, in den Schatten stellte. Erlebnisse sind immer viel mehr als die umfangreichsten Informationen aus einem Reiseführer.


Die Männer der Baustelle konnten in einer Kantine auf dem großräumigen Terrain essen. Tom machte mittags und nach Feierabend davon Gebrauch. Die Mahlzeiten waren gut und reichhaltig, und sie schmeckten den Europäern besser als das in Nigeria landesübliche Essen. Nur am Wochenende musste sich Tom selbst versorgen.

Eines Tages machte ihm Maimuna einen Vorschlag: „Möchten sie nicht das ein-heimische Essen kennenlernen? Ich kann ihnen eine kleine Gaststätte ganz in der Nähe empfehlen. Dort können sie gut essen, und sie werden freundlich bedient. Es wird ihnen dort bestimmt gefallen.“ Und sie fügte noch hinzu: „Sie können dann die Menschen hier besser verstehen, und vielleicht finden Sie nette Kontakte.“

Tom fand den Vorschlag gut. Auf einem Zettel skizzierte Maimuna den Weg.

An einem Sonntagmittag ging er zu dieser landestypischen Gaststätte. Sie lag ungefähr einen Kilometer von seiner Wohnung entfernt in einer Seitenstraße. Die Gegend wirkte nicht sehr einladend. Ein paar alte Holztische und Holzbänke standen im Freien auf dem staubigen Boden. Gekocht wurde in einer kleinen Garküche, die sich in dem angrenzenden kleinen Haus befand. Zu den typischen Mahlzeiten gehörten Yamswurzeln, Süßkartoffeln, Kochbananen, Erbsen und Reis, manch-mal auch Mais und Hirse. Maimuna hatte dies ihrem „Schützling“ aus Deutschland genau erklärt.

Tom hatte Glück, er fand einen schattigen Platz unter einem der dort aufgestellten Sonnenschirme. Neugierig blickte er sich um. In diese Ecke würde sich normalerweise kein Europäer verirren, dachte er.

Tom saß alleine unter Afrikanern. Das störte ihn nicht, er hatte keine Kontaktängste. Er fühlte sich eingetaucht in die Welt der Nigerianer. Diese Andersartigkeit faszinierte ihn. Ein Hauch von Abenteuer lag in der Luft. 

Die Gaststätte war einfach eingerichtet, sie wirkte sauber und gepflegt. Das Essen der Gäste an den Nebentischen sah für einen Europäer fremdartig aus, doch es roch appetitlich. Tom war zufrieden, er hatte keine Bedenken. Ja, Maimuna habe einen guten Vorschlag gemacht, dachte er.

Sein positiver Eindruck erfuhr eine Steigerung, als eine bedienende junge Nigerianerin zu seinem Tisch kam, ihn höflich begrüßte und nach seinen Wünschen fragte. Ausführlich erklärte sie ihm die verschiedenen angebotenen Speisen. Tom hatte viele Fragen. Weil er sich mit der netten Frau ein bisschen unterhalten wollte, lenkte er das Gespräch auf das Land, die Leute und die Tradition. Ihm fiel immer wieder eine neue Frage ein. Die Geduld der jungen Frau schien außergewöhnlich zu sein.

Tom war über ihr gutes Englisch und ihr Allgemeinwissen sehr erstaunt. Auch ihre Ausdrucksweise verdiente die Note Eins. Er hatte das nicht erwartet, ganz bestimmt nicht von einer Bedienung in einer kleinen Gaststätte in dieser – aus seiner Sicht – gottverlassenen Ecke.

Das Essen schmeckte, Tom war zufrieden. Nachdem die Nigerianerin die Tische abgeräumt hatte, wandte sie sich Tom zu. Sie interessierte sich für so vieles: Was er in Nigeria mache, aus welchem Land er komme, wie man in Deutschland lebe und vieles mehr. Und sie nannte ihren Namen, sie hieß Aisha.

Tom war von ihr sehr angetan. Er unterhielt sich gerne mit ihr und wollte viel über das Leben in Nigeria wissen. Aisha wirkte gebildet, sie war eine sympathische Erscheinung. Sie hatte ein hübsches Gesicht, ausdrucksvolle Augen, eine zierliche Figur und eine charmante Art. Wie alle Frauen in dem muslimischen Land trug sie einen Hidschab, ein kapuzenartiges Kopftuch. Zusätzlich hatte sie ein ungefähr eineinhalb Zentimeter breites rotes Band um den Kopf gebunden. Es bedeckte die Stirn zum Teil, am Hinterkopf war es zu einem Knoten gebunden. Ein Stirnband war nicht üblich in Nigeria, es war ein ungewöhnliches Accessoire. Die Farbe Rot würde Aisha zwar gut stehen, dachte Tom, aber zusätzlich zu dem Hidschab noch ein Stirnband, das sei doch übertrieben. Ohne dieses Stirnband sähe sie bestimmt noch hübscher aus.

„Dann bis auf ein baldiges Wiedersehen, ich würde mich freuen“, sagte Aisha charmant lächelnd, als Tom die Gaststätte verlies. 

„Ja, gerne, ich werde sehr gerne wiederkommen“, antwortete Tom. „Übrigens, ich heiße Tom, das kann man sich leicht merken.“

„Bye-bye Tom, bis bald“, rief Aisha.


Eine Woche später saß Tom wieder in dieser Gaststätte. Aisha begrüßte ihn mit besonderer Aufmerksamkeit: „Hallo Tom, schön dass du wieder gekommen bist. Das ist nett, ich freue mich.“ 

Das war nicht nur eine höfliche Floskel, sondern Aisha schien sich wirklich zu freuen. „Hallo Aisha, ich bin gerne gekommen,“ antwortete Tom lächelnd. „Ich freue mich, hier zu sein. Wie geht es dir?“ 

„Alles okay, Tom, ich muss bedienen, später komme ich zu dir, bis gleich.“ Sie war ein bisschen in Eile.

Während Aisha bediente, hatte sie hin und wieder Gelegenheit für ein kurzes Gespräch mit Tom. Erst am späten Nachmittag konnte sie sich ein paar Mal zu ihm an den Tisch setzen und eine Weile plaudern. Tom fühlte sich wohl, die Nähe zu Aisha tat ihm gut. Leider verflog die kurze Zeit mit ihr viel zu schnell.


Warum hätte Tom nur an Sonntagen diese Gaststätte besuchen sollen? Er ging während der nächsten Wochen auch an Werktagen abends dorthin, natürlich nicht alleine wegen des Essens. Der eigentliche Grund für seine Besuche war der Kontakt zu Aisha. 

Tom fühlte sich in der Gaststätte wohl. Über Kriminalität machte er sich keine Gedanken. Als einzelner Europäer hätte er vorsichtig sein sollen, aber er war unbekümmert. Wenn hier Gefahr für ihn lauerte, hätte Maimuna ihm die Gaststätte nicht empfohlen, sagte er sich. Oder hatte sie ihn vielleicht in einen Hinterhalt gelockt? Nein, diese Vorstellung wies er als völlig unsinnig zurück.

Offensichtlich empfand Aisha viel Sympathie für Tom. Er fühlte sich zu der charmanten Afrikanerin ebenfalls sehr hingezogen. Viele aufregende Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Mit einem Mal hatte Afrika für ihn eine Bedeutung erlangt, an die er früher nie gedacht hätte. Das Leben läuft nicht immer geradlinig, etwas war in Bewegung geraten. Die Seitenstraße, in der die Gaststätte lag, war doch keine „gottverlassene Ecke“, wie Tom anfangs abfällig geurteilt hatte. Sie war mit einem Mal ein Ort, der seine Fantasie sehr anregte, und mit dem er sehr schöne Gedanken verband. Nigeria sei sicherlich ein kriminelles Pflaster, dachte er, aber in diesem teils chaotischen Land gebe es auch viele herzliche und liebens-würdige Menschen – wie überall auf der Welt.


Tom erzählte Maimuna ausführlich von seinen Erlebnissen in dieser Gaststätte. Dabei fand er lobende Worte für die freundliche Bedienung Aisha. Maimuna hörte aufmerksam zu. Es blieb ihr nicht verborgen, dass er für Aisha Sympathie empfand. 

 „Die Frauen tragen einen Hidschab, das ist hier Tradition“, sagte Tom. „Aisha trägt auch einen, aber sie hat zusätzlich noch ein Stirnband. Warum? Ich glaube, ohne den Hidschab würde ihr das Band besser stehen. Hidschab und Stirnband gleichzeitig, das ist doch ein bisschen übertrieben, finden sie das nicht auch?“

Maimuna wich einer Antwort aus. Statt-dessen klärte sie Tom auf: „Ich kenne Aisha sehr gut, schließlich ist sie meine Nichte.“

„Ach deshalb haben sie mir diese Gaststätte empfohlen!“ rief Tom erstaunt. „Ich bin aber froh drum, denn ohne ihren Tipp hätte ich diese nette Gaststätte nicht kennengelernt.“ Er lachte. „Und Aisha hätte ich auch nicht kennengelernt!“

Maimuna lächelte kurz und schwieg. Sie machte einen ernsten, nachdenklichen Eindruck. 

„Ich habe mir Gedanken gemacht, Maimuna“, begann Tom nach einer Weile, „kann es für mich gefährlich werden, wenn ich in der Öffentlichkeit viel mit Aisha spreche? Oder könnte es für sie unangenehm werden? Ich bin mir nicht sicher, wie ich mich verhalten soll. Der Kontakt zwischen einem Europäer und einer Muslimin wird vielleicht nicht gerne gesehen. In Deutschland wäre das kein Problem, aber hier gelten doch andere Regeln. Soll ich die Gaststätte nicht mehr besuchen? Soll ich mich von Aisha fernhalten? Ich muss gestehen, dass mir das allerdings schwerfallen würde.“ Tom sah Maimuna fragend an. „Was meinen Sie? Sagen Sie mir bitte offen die Wahrheit, auch wenn ich es vielleicht nicht gerne hören würde, besser die Wahrheit jetzt als später. Ihr Rat ist wertvoll für mich, wirklich, denn Sie kennen Aisha sehr gut.“

Maimuna sagte nichts, offensichtlich wusste sie nicht sofort eine Antwort. Tom war irritiert, er wurde auf einmal ein bisschen skeptisch. War er vielleicht zu naiv? Er fragte sich, warum Maimuna nicht von Anfang an gesagt habe, dass Aisha ihre Nichte sei? Maimuna hätte sich doch denken können, dass er gerne mit Aisha sprechen würde. Hatte Maimuna vielleicht etwas zu verbergen?

Tom wurde unruhig. Er bohrte: „Sagen Sie bitte, was Sie meinen. Wie sollte ich mich verhalten? Sie kennen Aisha, und Sie wissen, wie man sich in diesem Land verhalten muss. Ich will nicht, dass Aisha wegen mir Probleme bekommt.“

Maimuna blickte Tom wortlos an, als wollte sie in seinem Inneren lesen. Sie wirkte ernst und nachdenklich. Konnte sie ihm wirklich voll vertrauen? Sie setzte sich an den Tisch und bat Tom, ebenfalls Platz zu nehmen. Dann goss sie jedem ein Glas Orangensaft ein. So ließe sich die schwierige Antwort leichter besprechen, dachte sie. Tom war gespannt. Es fühlte sich für ihn so an, als würde ein böses Gespenst im Raum schweben. 

 „Also Tom, ich glaube, dass sie ein guter Mensch sind“, begann Maimuna. „Sie sind einfühlsam, fleißig, anständig, ich vertraue Ihnen. Sie befürchten, dass Aisha wegen ihnen Probleme bekommen könnte. Sie hat schon riesige Probleme, mit Ihnen hat das aber gar nichts zu tun.“

Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Aisha stammt aus einer gutsituierten Familie in Abuja. Sie war eine gute Schülerin. Nach dem Abitur hat sie in Abuja einige Semester studiert. Dann passierte etwas Schreckliches. Als sie sich im Norden des Landes aufhielt, wurde sie von einer Gruppe der Terrormiliz Boko Haram entführt und gefangen gehalten. Nach ungefähr einem Jahr konnte sie fliehen. Anfangs war sie psychisch ein totales Wrack, sie war seelisch gebrochen, das kann man verstehen. Inzwischen hat sie sich etwas erholt, jedenfalls macht sie diesen Eindruck auf mich. Seit ein paar Monaten lebt sie hier in diesem Vorort der Hauptstadt.“

Tom war tief betroffen. Er konnte nichts sagen. Mit starrem Blick saß er am Tisch.

Maimuna blickte ihn ernst an. „Sie denken wahrscheinlich, dass das Leben von Aisha irgendwann wieder so normal wie früher weitergehen würde. Ich weiß nicht, vielleicht wäre das in Europa so. Hier in Afrika ist das anders.“

Nach einer Pause erklärte sie: „Wenn hier eine Frau vergewaltigt worden ist, dann ist sie lebenslang mit einem Makel befleckt. Wenn sie in der Gewalt von Boko Haram war, gilt das ganz besonders. Kein Mann will etwas von ihr wissen, oft wird sie sogar von der Dorfgemeinschaft und von der eigenen Familie verstoßen. Das muss man sich vorstellen! Es ist, als wäre sie eine Schande für die Familie. Eine schlimme Ungerechtigkeit ist das, wie können die Menschen nur so sein!“ 

Betroffen fuhr Maimuna fort: „Und was noch schlimmer ist: Viele Frauen, die von der Armee aus der Gefangenschaft befreit wurden, werden dann von unseren eigenen Soldaten vergewaltigt. Können sie sich das vorstellen? Die Frauen kommen von dem einen Unglück in ein anderes Unglück. Und die Justiz tut so gut wie nichts, der Staat ist zu schwach. Schrecklich ist das! Eine Frau gilt hier wenig. In Europa wäre das nicht möglich.“

Maimuna holte mehrfach tief Luft. „Aisha hat großes Pech. Ihre Eltern und ihre Geschwister wollen keinen Kontakt zu ihr haben. Sie sagen, der Kontakt würde ihre Familienehre beschmutzen. Ich bin wütend auf diese Leute, unglaublich wütend. Nur noch zu mir und zu zwei an-deren Tanten hat Aisha Kontakt. Ich habe sie sehr lieb, und ich möchte ihr helfen. Aisha ist wirklich arm dran. Sie war mal eine lebensfrohe junge Frau mit vielen Chancen und mit vielen Plänen für die Zukunft, jetzt ist sie oft sehr niedergeschlagen und weint. Zu allem Übel kommt noch, dass sie nicht weiß, wovon sie leben soll. Die Arbeit in der Gaststätte ist nur eine vorübergehende Sache, und viel verdient sie dabei nicht.“

„Wissen Sie“, ergänzte Maimuna, „eigentlich dürfte Aisha nicht in einer Gaststätte bedienen, weil sie dann zu Männern Kontakt hat. Normalerweise würden ihr die Eltern und die Brüder diese Arbeit verbieten, aber denen ist das vollkommen gleichgültig. Aisha existiert für sie nicht mehr.“ 

Tom blickte still vor sich hin. Die Worte von Maimuna hatten ihn wie ein Schlag getroffen.

„Ich bin sehr traurig“, sagte er schließlich. „Ich bin tief gerührt. Aisha tut mir wirklich sehr leid. Ich habe von ihren Problemen nichts bemerkt, sie hat auch nichts erzählt. Auf mich hat sie immer einen fröhlichen Eindruck gemacht.“ 

Maimuna fuhr fort: „Jetzt zu ihrer Frage, Tom. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier ein Mann ärgerlich würde, wenn Aisha zu einem Europäer Kontakt hätte. Für die hiesigen Männer ist sie nicht begehrenswert, jeder weiß um ihren Makel. Die Entführung durch Boko Haram lässt sich nicht verheimlichen, so etwas spricht sich schnell herum. Kein Nigerianer will eine Frau haben, die mal im Besitz dieser Terrorgruppe war, auch dann nicht, wenn sie hübsch ist. Die Männer und auch ein großer Teil der Frauen gehen auf Distanz. Eine von Boko Haram entführte Frau gilt als unrein. Das ist nun mal so, das kann man leider nicht ändern.“ 

Maimuna wirkte jetzt entspannter, denn endlich hatte sie gesagt, was sie irgend-wann einmal hätte sagen müssen. Ein schwerer Stein war ihr vom Herzen gefallen. Doch etwas belastete sie trotzdem: Wie würde Tom reagieren? Würde er nun das Interesse an Aisha verlieren? Maimuna machte sich Sorgen, denn sie wollte ihrer Nichte zu einer guten Zukunft verhelfen. 

„Was denken Sie, Tom?“ fragte sie.

Tom saß stumm und nachdenklich am Tisch, den Kopf in die Arme gestützt. Nach einigen Augenblicken antwortete er: „Ja, aber Aisha ist doch eine charmante liebe Frau. Sie ist sehr nett und freundlich. Ich mag sie sehr, trotz Boko Haram mag ich sie wirklich sehr.“ 

Maimuna glaubte, aus Toms Reaktion auf seine wahren Gefühle schließen zu können. 

„Ich denke, dass das ihre ehrliche Meinung ist. Hoffentlich bleiben sie dabei, Tom.“ Maimuna holte tief Luft und sagte mit ernster Miene: „Ich muss ihnen nämlich noch mehr erzählen. Die Situation von Aisha war schlimmer, als man sich vorstellen kann, und sie ist bis heute sehr schlimm. Aisha wurde wie eine Sklavin behandelt, sie war sozusagen das persönliche Eigentum eines Gruppenführers der Terroristen. Dieser Verbrecher …“ 

Maimuna schluckte, dann fuhr sie fort: „Dieser Verbrecher brannte ihr ein Zeichen auf die Stirn, das wie ein Y aussieht. Er sagte zu ihr: Nun bist du für immer mein Eigentum, niemand wird dich mir wegnehmen. Und falls du glaubst, du könntest weglaufen, vergiss nicht, dass dich dieses Zeichen immer verraten wird. Wenn du fliehst, werde ich dich finden und töten. Und diejenigen, die dir bei der Flucht geholfen haben, werden meine Rache zu spüren bekommen.“

Nach eine Pause fügte sie hinzu: „Kannst du dir so etwas vorstellen? Dieser verdammte Scheißkerl hat ihr ein Brand-mal auf die Stirn gedrückt, wie einem Tier. Schrecklich! Sie können sich vorstellen, das Aisha immer in Angst lebt. Ja, und jetzt wissen sie, warum sie immer ein Stirnband trägt. Jedenfalls wird sie es in Nigeria immer tragen müssen. Und ich bitte Sie wirklich sehr, sehr eindringlich, niemandem von dem Brandmal zu erzählen. Aisha könnte in Lebensgefahr geraten.“ 

Maimuna und Tom saßen schweigend am Tisch. Der Gedanke an die Bösartigkeit jenes Verbrechers ließ sie schaudern. 

Nach einer Weile fand Tom Worte: „Selbstverständlich werde ich die Sache mit dem Brandmal für mich behalten, das verspreche ich. Was sie erzählt haben, ist ganz schrecklich. Es tut mir für Aisha wirklich sehr, sehr leid. Ihre Familie will nichts von ihr wissen, und in ihrer Heimat lebt sie in Angst. Aber ich bleibe dabei: Ich finde sie sehr nett und begehrenswert, und meine Gefühle für sie sind wegen ihrer Situation nicht geringer geworden. Im Gegenteil: Ich fühle mich jetzt noch stärker zu ihr hingezogen. Sie hat so viele Verletzungen erlitten, und sie braucht Zuwendung und Anerkennung. Ich möchte ihr sehr gerne helfen.“

Maimuna nickte, sie wirkte entspannter. „Das finde ich nett von Ihnen. Ich war mir sicher, dass Sie ein Mann mit Charakter sind.“

„Was meinen sie“, fragte Tom, „soll ich beim nächsten Treffen Aisha sagen, dass sie mir alles über sie erzählt haben? Oder wäre es besser, wenn Sie es ihr vorher sagten? Ich möchte ehrlich zu ihr sein, sie soll wissen, was ich über sie weiß.“

„Es wird wohl besser sein, wenn ich Aisha vorher informiere“, meinte Maimuna. „Ich sage Ihnen dann sofort, wie sie reagiert hat.“

„Und da kommt mir noch ein Gedanke, Maimuna“, sagte Tom mit bittendem Unterton. „Was meinen Sie, Aisha könnte sie – oder genauer gesagt: mich – mal hier im Haus besuchen. Hier könnten wir viel ungestörter miteinander sprechen als in der Gaststätte. Ich würde mich über ihren Be-such freuen, vielleicht wäre das Aisha auch recht. Wie denken sie darüber? Würden Sie Aisha bitte fragen, ob sie hierher kommen möchte?“

Maimuna nickte wohlwollend. „Ich glaube, dass das ein guter Gedanke ist. Mal sehen, ich gebe ihnen bald Bescheid.“ 

Die gedrückte Stimmung hatte sich gelegt, ein zarter Hoffnungsschimmer er-schien am Horizont. Maimuna und Tom wirkten mit einem Mal recht entspannt und sogar ein bisschen fröhlich. 

Maimuna hatte noch etwas auf dem Herzen. Leise sagte sie: „Und noch etwas Wichtiges muss ich ihnen sagen, Tom. Ich denke, Sie sollten das wissen. Aisha hat nicht HIV, und sie ist nicht beschnitten. Ich sage ihnen das, weil das in Afrika schließlich nicht selbstverständlich ist.“

„Darüber bin ich froh, Maimuna. Ich danke ihnen für ihre Offenheit, sehr nett von ihnen.“ Tom hatte zwei Sorgen weniger. 


Die Temperaturen waren schon am frühen Morgen für einen Deutschen unangenehm hoch. Während des Tages wurde die Wärme oft unerträglich, wie unter einer Hitzeglocke. Tom hatte sich daran schon ein bisschen gewöhnt, ihm fiel der Aufenthalt in Nigeria nicht mehr so schwer wie in den ersten Wochen. Und noch etwas Wesentliches war geschehen: Seit einigen Tagen betrachtete Tom das afrikanische Land mit anderen Augen. Die anfangs von ihm als bedrückend und fremdartig empfundene Welt schimmerte nun immer öfter in sympathischen Farben. Dieser Verwandlung lag ein Geheimnis zu Grunde, es hieß Aisha. 

Als Tom eines Tages nach der Arbeit nach Hause kam, wurde er im Hausflur von Maimuna freudig begrüßt: „Heute ist netter Besuch für sie da.“ Sie lächelte viel-sagend und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe ihr gesagt, dass Sie alles über ihre Situation wissen. Sie war deshalb nicht ärgerlich, sie findet das in Ordnung.“

Maimuna öffnete die Tür zu ihrer Wohnung. Tom trat ein, er wirkte ein bisschen aufgeregt. Im Zimmer stand Aisha und lächelte ihn an.

„Hallo Aisha“, rief Tom strahlend, „wie schön, dass du hier bist! Ich freue mich.“ 

Ein Mann sollte eine Muslimin nicht mit Handschlag begrüßen, dachte Tom. Er lächelte herzlich und machte eine leichte Verbeugung. Dann ging er auf sie zu und berührte mit seinen Händen sanft ihre Arme, die unter einem Umhang verborgen waren. Die Geste wirkte sehr persönlich, sie sah aus wie eine angedeutete Umarmung. 

Auch Aisha konnte man die Gefühle an-sehen. „Hallo Tom, ich freue mich auch. Warst du wieder so fleißig? Wie geht es dir?“

„Mir geht´s gut, Aisha. Ja, ich hatte viel zu tun. Es war wie jeden Tag – mal mehr und mal weniger Stress. Aber jetzt denke ich nicht mehr an die Arbeit, ich bin ganz entspannt“, antwortete Tom. „Prima, heute können wir uns endlich mal ungestört und in Ruhe unterhalten. In der Gaststätte sind ja immer jede Menge Augen und Ohren um uns herum.“

Aisha nickte zustimmend. „Hier sind wir unter uns. Nirgendwo ist es so schön wie bei meiner Tante.“

„Ja, ich gebe dir recht“, meinte Tom. „Ich fühle mich hier auch sehr wohl. Ich hatte großes Glück, bei ihr eine Wohnung zu finden.“

Maimuna kochte eine Kanne Tee. Auf den Tisch stellte sie eine Schale mit landestypischem Gebäck. „Kommt, wir setzen uns, das ist gemütlicher. Ihr seid meine Gäste.“

Gesprächsstoff gab es in Fülle. Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen und Erdteilen zueinanderfinden, gibt es viele Fragen und viel zu erzählen. Dabei kommen sich die Menschen näher, und sie lernen, sich besser zu verstehen und die Unterschiede zu respektieren. 

Das Treffen bei Maimuna war für alle ein schönes Erlebnis. Die junge Afrikanerin und der Mann aus Europa waren sich einen großen Schritt nähergekommen. 


Es blieb nicht bei diesem ersten Treffen im Haus von Maimuna. In den folgenden Wochen sahen sich Aisha und Tom dort mehrmals.

Gegenüber einer deutschen Frau hätte Tom gewusst, wie er sich zu verhalten habe. Aber Aisha war Afrikanerin und Muslimin. Der Kontakt zu ihr war für ihn der Eintritt in ein unbekanntes Land. Wie leicht könnte er etwas falsch machen, befürchtete er. 

Schließlich wagte Tom eines Tages vor-sichtig einen weiteren Schritt. Er lud Aisha in seine Wohnung im ersten Stock ein. Zu seiner Überraschung war Aisha sofort ein-verstanden. Offenbar hatte sie diesen Schritt erwartet. In Toms Wohnung legte sie erstmals den Hidschab ab, aus eigenem Antrieb. Tom war darüber froh, er deutete es als Zeichen von Vertrauen und Nähe. Das rote Stirnband behielt sie an. 

Tom war sich bewusst, dass er Aisha sehr viel Verständnis und Einfühlung entgegenbringen musste. Was hatte sie nicht Schreckliches erlebt! Er hatte sich fest vorgenommen, Boko Haram mit keinem Wort zu erwähnen. Nur nicht böse Erinnerungen wecken! Hinzukam, dass Aisha eine Muslimin war. Musste er deshalb nicht befürchten, in das eine oder andere Fettnäpfchen zu treten? Sehr zurückhaltend, sehr taktvoll und sehr einfühlsam wollte er sich verhalten.

Tom kochte eine Kanne Tee. Die Bei-den saßen gemütlich an einem Tisch. Er zeigte Aisha ein paar Bilder aus Deutschland und erklärte ihr, wie und wo er in seiner Heimat wohnte, und er sprach über seine berufliche Tätigkeit. 

„Und schau mal hier, Bilder aus meiner Heimat mit einer verschneiten Landschaft. Sieht das nicht wunderbar aus“, schwärm-te Tom. „Winter kannst du dir wahrscheinlich nicht vorstellen. Es ist kalt, manchmal sehr kalt, aber eine Wanderung im Schnee ist herrlich. Und erst Skifahren – das ist super.“

„Vorstellen kann ich mir das natürlich nicht“, meinte Aisha, „aber den Winter in Deutschland würde ich gerne mal erleben – und den Frühling und den Sommer auch.“ Sie lachte.

„Ja, ein guter Gedanke, warum denn nicht“, antwortete Tom. Er erzählte mit Begeisterung von Deutschland, als wollte er für seine Heimat werben. 

Tom bemerkte, dass sein ängstliches Be-streben, nur ja nichts falsch zu machen, zu einem übertrieben höflichen und steifen Verhalten geführt hatte. Er war unsicher. Würde er vielleicht zu distanziert wirken? Gerne wäre er Aisha nähergekommen. Wenn er einmal seinen Arm um sie legte, das wäre doch keine Sünde, überlegte er. Würde sie dann womöglich denken, es ginge ihm nur um schnellen Sex? Wie würde eine Muslimin aus Nigeria auf körperliche Nähe und auf Komplimente eines Europäers reagieren?

Aisha war eine intelligente und sensible Frau. Nach einer Weile sah sie Tom prüfend an und sagte lächelnd: „Tom, ich kann in dich hineinsehen. Ich weiß genau, was du denkst. Du hast Angst, du könntest etwas falsch machen, weil ich Musli-min bin, und vielleicht auch, weil ich Afrikanerin bin. Ich bin aber nicht so empfindlich und so kompliziert, wie du meinst. Sei ganz natürlich, sei du selbst, du bist ein lieber netter Mann, du machst alles richtig.“ Aisha lachte und breitete die Arme aus. „Tu einfach so, als wäre ich ei-ne deutsche Frau.“ 

Tom musste herzhaft lachen. „Prima, das ist eine sehr gute Idee. Dann fange ich sofort damit an.“ 

Beide standen sich still lächelnd gegen-über. Tom nahm Aisha in die Arme, und sie umarmte ihn ebenfalls. Es war ein unbeschreiblicher, feierlicher Augenblick. Tom spürte sein Herz aufgeregt schlagen. Als er Aisha sanft zum ersten Mal küsste, fühlte er, dass dies ein großer Schritt sein könnte, vielleicht ein Schritt, der ihren weiteren Lebensweg bestimmen würde. War es der Beginn einer gemeinsamen Zukunft?

„Ich empfinde sehr viel für dich“, sagte Aisha. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich so etwas Schönes erleben würde. Du weißt von der schlimmen Zeit, die ich bei Boko Haram hatte. Ich denke nicht gerne daran, aber ich glaube, dass es mir hilft, wenn ich manchmal mit dir dar-über spreche.“

„Das kannst du jederzeit, das ist kein Problem für mich“, antwortete Tom. „Und sag mir bitte, wenn ich mich mal unpassend benehme oder etwas sage, was dich verletzt. Das wäre dann keine böse Absicht von mir sondern nur Unwissenheit, oder es wäre ungeschickt von mir gewesen. Ich kenne dich noch nicht so gut. Wir sind in unterschiedlichen Religionen und Kulturen aufgewachsen, da trete ich bestimmt manchmal in ein Fettnäpfchen.“

Aisha winkte ab. „Ich habe dir gesagt, dass ich nicht empfindlich bin. Das kannst du mir glauben. Mach dir keine Sorgen, Tom, da gibt es keine Probleme. Wegen unseren verschiedenen Religionen werden wir keinen Ärger bekommen, auch nicht wegen der verschiedenen Kulturen. Ich denke offen und aufgeklärt, ich bin doch nicht von gestern. In Europa würde ich wahrscheinlich keinen Hidschab tragen, trotzdem könnte ich Muslimin bleiben. Das Einzige, was du beachten musst, ist Folgendes: Manchmal überkommen mich Depressionen. Dann ziehe ich mich zurück, dann hasse ich die ganze Welt, und ich hasse mich selbst. Mir fehlt dann die Kraft, und ich kann mich über nichts freuen. Diese Zustände sind schlimm für mich. Es sind Folgen aus meiner Zeit bei Boko Haram. Ich nehme an, dass sie im Laufe der Zeit seltener auftreten werden, aber wenn sie mal auftreten, geht es mir wirklich sehr schlecht. Dann brauche ich dein Verständnis und deine Hilfe.“ 

„Natürlich werde ich dir gerne helfen, das ist doch selbstverständlich“ versicherte Tom. „Ganz bestimmt wird sich alles wieder normalisieren, die Zeit heilt vieles. Wir werden das schaffen, da mache ich mir keine Sorgen.“ 

„Es gibt noch etwas Wichtiges, Tom, was ich dir sagen muss“, fügte Aisha mit ernstem Unterton hinzu. „In Sachen Sex brauche ich noch ein bisschen Zeit. Ich habe sehr Schlimmes erlebt, glaube mir. Meine Erlebnisse waren zu heftig, da ist einiges hängengeblieben. Oft habe ich Albträume. Das kannst du doch verstehen? Hab bitte Verständnis und ein bisschen Geduld mit mir, eines Tages bin ich wieder normal, ganz bestimmt.“

Tom blieb locker. „Ja klar, null problemo! Mach dir keine Sorgen, alles wird gut. Wir schaffen das.“ Er drückte Aisha fest an sich.

„Ich bin froh, Tom, dass du so verständnisvoll bist. Ich habe dich sehr lieb, wirklich sehr lieb.“ Aisha war glücklich.

„Ich habe dich auch sehr lieb, Aisha“, sagte Tom leise. 

Die Beiden waren sich ganz nahe. Es waren Minuten voll Freude, ohne Sorgen, ohne Eile, ohne Probleme. Diese Glücksminuten waren so aufregend wie sonst nichts auf der Welt. 

Es gab viele interessante und wichtige Themen. Aisha war nicht verschüchtert oder verklemmt. Sie war zweifellos eine starke Frau, die vor keinem Thema zurückschreckte. Dass sie so offen und selbstsicher war, hatte Tom nicht erwartet. Er war beeindruckt und sehr froh.

Vielleicht sollten sie mal gemeinsam die Hauptstadt Abuja besuchen, schlug Tom vor. Das wäre bestimmt eine nette Abwechslung. Aisha fand den Gedanken gut. 

Aisha und Tom sprachen über vieles, was sie noch sehen und erleben wollten. Sie waren voller Zuversicht. In ihrer Vorstellung breitete sich eine Welt aus, die schön und voller Wunder war, und die darauf wartete, von ihnen entdeckt zu werden. Vor den Beiden lag ein Buch, in das der Roman ihres Lebens geschrieben wurde. Der erste Abschnitt des ersten Kapitels war gerade vollendet worden.


Die Arbeit auf der Baustelle machte Fortschritte. Es war abzusehen, dass Tom in ein paar Wochen nach Deutschland zu-rückkehren müsste. Aisha und Tom war von Anfang an bewusst gewesen, dass ihre unbeschwerten Kontakte einmal ein Ende finden würden.

Tom war nicht frei von Selbstzweifeln. Manchmal fragte er sich, ob seine Beziehung zu Aisha wirklich richtig sei. Würden sie wirklich gut zueinander passen? Könnte Aisha in Deutschland ein glückliches Leben führen? Es gab quälende Argumente pro und kontra. Tom fühlte sich oft hin- und hergerissen. Je näher der Tag der Abreise kam, umso heftiger schossen ihm die Gedanken durch den Kopf.

Allein mit der Vernunft gelangte Tom nicht zu einer Entscheidung. In dieser Notlage kam ihm die stärkste Kraft der Natur zu Hilfe: Die Liebe besiegte seine Zweifel. Unzähligen Generationen der Menschheitsgeschichte ist es schon eben-so ergangen.

In einer einfachen Überlegung fand Tom zusätzlich Hilfe: Wenn er den Kontakt zu Aisha abbräche, würde er sich zeitlebens den Vorwurf machen, am Glück vorbeigegangen zu sein. Und er fragte sich auch, bei welcher Frau es denn keine Argumente pro und kontra gäbe? Zweifel könnten sich schließlich in jeder Beziehung anmelden.

Eines Tages sagte Aisha mit ernster Mi-ne: „Ja Tom, bald bist du wieder in Deutschland, in deiner geliebten Heimat. Dort hast du deine Familie und deine Freunde, da geht es dir dann viel besser als hier. Und es ist nicht so heiß wie in Afrika. In Deutschland fühlst du dich wohl. Du freust dich bestimmt auf die Heimreise.“ 

Diese Worte von Aisha waren viel mehr als eine nüchterne Feststellung. In ihnen lag Wehmut und die Angst vor einem Ab-schied. Sie waren die Frage nach der Zukunft. War die Beziehung zwischen Aisha und Tom mehr als der Lärm einer vorübergehenden Zuneigung? Würde es einen gemeinsamen Weg geben? Der Zeit-punkt der Entscheidung war gekommen.

„Also wahr ist“, antwortete Tom, „dass ich voraussichtlich in drei Wochen nach Deutschland zurückfliege. Was meine Familie betrifft, die besteht, wie du weißt, nur aus meinen Eltern und meiner Schwester. Nicht wahr ist, dass es mir in Deutschland besser ginge als hier, weil du mir dort sehr fehlen würdest. Ich würde dich sehr vermissen.“

Aisha sagte nichts. Tom sah sie fragend an. „Willst du mit mir nach Deutschland gehen? Willst du mit mir dort leben?“

Ohne zu zögern antwortete Aisha: „Ja gerne Tom, sehr gerne. Du weißt, was ich für dich empfinde. Und du weißt auch, dass mich hier nichts hält. Aber es ist auch eine Tatsache, dass mich die Deutschen nicht so einfach in dein Land hineinlas-sen. Sehr gerne würde ich mit dir zusammenleben, aber wie soll das gehen?“ 

Tom nahm Aisha in die Arme. „Ich möchte dich heiraten. Als meine Frau kannst du mit mir in Deutschland leben, das ist kein Problem. Willst du mich heiraten?“ 

Er konnte Aisha ansehen, dass eine große Sorge von ihr wich. Sie strahlte und lachte entspannt: „Meinst du das wirklich ernst, Tom?“

„Ja sicher meine ich das ernst!“ betonte er. „Willst du?“ 

„Da muss ich erst mal scharf nachdenken – hm“, scherzte Aisha. Dann hauchte sie lächelnd: „Ja, ich glaube, ich will. Ich sage ja.“

Mit einem innigen Kuss besiegelten sie ihr gegenseitiges Versprechen – eine feierliche Geste anlässlich eines bedeutsamen Schrittes. Es war ein Augenblick glücklicher Fantasie, es war ein wunderbares Bild, das die Beiden mit zarten Farben der Liebe und mit dem unausgesprochenen Wunsch nach Ewigkeit malten.

„Du weißt, dass es in Deutschland im Winter kalt ist, und es regnet viel“, bemerkte Tom. „Manchmal sieht man eine Woche lang keine Sonne. Das Klima ist viel kälter als hier. Vieles ist anders. Hoffentlich wirst du damit fertigwerden, das wird am Anfang nicht leicht für dich sein. Und du verlierst deine Bekannten, Nigeria ist weit weg.“

„Mit so billigen Argumenten kannst du mich nicht abschrecken“, lachte Aisha. „Gegen die Kälte gibt es warme Kleidung. Die Deutschen ziehen sich im Winter warm an, und sie heizen die Wohnung. Natürlich bedeutet das Leben in Deutschland für mich eine große Umstellung. Ich schaffe das. Ich sehe vielleicht schwach und empfindlich aus, aber ich bin nicht so. In Afrika wird man abgehärtet, sowohl körperlich als auch seelisch. Für empfindliche Typen ist hier kein Platz. Und was meine Bekannten betrifft: Du weißt, dass ich nur zu drei Tanten Kontakt habe, am engsten zu Maimuna. Sie liegt mir wirklich am Herzen, ich werde sie vermissen. Sie hat mir sehr viel geholfen.“ 

„Mir hat Maimuna auch geholfen“, ergänzte Tom. „Ohne sie hätte ich dich nicht kennengelernt. Wie gut, dass sie mir die Gaststätte empfohlen hat. Ich mag sie auch sehr. Wenn wir in Deutschland wohnen, könnten wir sie einmal im Jahr besuchen, das wäre kein Problem.“

„Super, prima“, freute sich Aisha. „Du hast Recht. Ohne Maimuna würden wir uns nicht kennen. Sie hat unser Kennen-lernen geschickt eingefädelt, sie ist schlau.“

„Ja, Frauen sind schlau, schlauer als Männer.“ Tom lachte. „Wir müssen ihr gegenüber dankbar sein.“ Er nahm Aisha in die Arme. 

„Sag mal Tom“, begann Aisha, „was wird eigentlich deine Familie sagen, wenn sie erfährt, dass du mit einer Afrikanerin liiert bist? Da werden deine Eltern und deine Schwester bestimmt ganz komisch gucken.“

„Mach dir keine Sorgen, Aisha“, lachte Tom. „ich habe sie schon per Telefon in-formiert, und ich habe ihnen vieles über dich erzählt. Sie sind neugierig, und sie möchten dich gerne kennenlernen. Glaube mir, sie freuen sich auf dich.“

„Gut, dass du sie gewarnt hast“, scherzte Aisha, „dann ist die Überraschung nicht mehr so groß. Ganz bestimmt haben sie sich Sorgen gemacht und gedacht: 'Wenn der Tom so lange ohne Frau in Afrika ist, ob das wohl gut geht? Wer weiß, wen er mitbringen wird?' Und sie haben Recht. Eine Weile hat die Mama auf ihren Tom nicht aufgepasst – und schon hat der sich in Afrika verliebt! Ja ja, immer die Frau-en!“

„Du hast vollkommen Recht.“ Tom lachte. „Meine Mutter ist letzten Endes an allem schuld, weil sie mich nicht bewacht hat. Sie hätte mich nach Afrika begleiten müssen. Hat sie aber nicht, folglich habe ich mich verliebt, und nun bringe ich eine liebe nette Frau mit!“ 

Aisha meinte: „Ich bin gespannt auf deine Familie, Tom. Bestimmt sind alle so nett wie du.“ 

„Nein, ich bin natürlich der netteste der Familie“, scherzte Tom. „Die anderen sind aber auch nicht übel. Lass dich überraschen, Aisha!“

„Waoh, was für ein Glück habe ich, dass ich dich kennengelernt habe!“

„Ja, du hast riesiges Glück, Aisha.“ Tom lacht. „Und mir geht es ganz genauso!“

Die Beiden waren nur noch körperlich in Afrika anwesend. Ihre Gedanken schweiften durch ein fernes Land in einem fernen Kontinent in einer gemeinsamen Zukunft. Hoffnungen und Träume über-winden mühelos Entfernungen und Zeiträume, und sie kennen keinen Abschied und kein Ende. Die Fantasie lacht über die Wirklichkeit und fliegt ihr davon – und das ist wunderschön.


Christa und Heinz warteten geduldig im Frankfurter Flughafen an der Abfertigung am Check-in-Terminal. Vor ihnen war eine lange Schlange von Touristen. Es hieß warten, warten, viel Geduld haben. Was machen Reisende in dieser Situation? Sie betrachten die anderen Reisenden genau-er, man hat ja Zeit.

„Heinz, wo schaust du denn die ganze Zeit hin?“ fragte Christa etwas vorwurfs-voll. „Betrachte die Leute nicht ständig, das ist unhöflich.“

„Schau mal da drüben, Christa – sehr hübsch, findest du nicht?“ Heinz deutete mit den Blicken auf eine Familie, die in ungefähr zehn Metern Abstand am benachbarten Terminal wartete.

„Ja wirklich hübsch, du hast recht, und so süß angezogen. Die muss man einfach gernhaben“, schwärmte Christa. 

„Da stimme ich dir voll zu“, meinte Heinz schmunzelnd. Er konnte seine Blicke nicht abwenden.

„Mir geht es jetzt wie dir, ich muss jetzt auch immer hinschauen“, gab seine Frau zu. „Einfach nett und süß. Wie alt werden die wohl sein? Die Kleine vielleicht fünf und die Große vielleicht sieben Jahre. Vom Alter her könnten sie unsere Enkelkinder sein.“ 

Heinz war erstaunt. „Christa, ich verstehe dich nicht. Von welchen Kindern sprichst du?“ 

„Aha, das hätte ich mir doch gleich denken können“, entgegnete sie. „Du hast natürlich nur nach der dunkelhäutigen Frau geguckt. Die hat dir so gut gefallen. Ich habe ihre Kinder gemeint.“ Beide müssen lachen.

„Die Frau kommt sicher aus Afrika, der Mann ist wahrscheinlich Deutscher“, vermutete Christa. „Ich verstehe dich, die Frau sieht gut aus, eine aparte Erscheinung. Als Mann würde ich auch nach ihr gucken. Das rote Band um die Stirn lässt sie besonders interessant aussehen.“ 

Heinz nickte. Ihm kam plötzlich ein Ge-danke. „Wo du jetzt auf das Band hinweist – da fällt mir ein, dass vor Kurzem eine Reportage im Fernsehen lief. Eine afrikanische Frau, die in Deutschland lebt, hat eine Hilfsorganisation gegründet und sammelt Geldspenden für Frauen, die von Boko Haram entführt wurden, und die dann freikamen. Diesen Frauen geht es sehr schlecht. Die Afrikanerin im Fernsehen stammt aus Nigeria, und sie hatte ein schmales rotes Stirnband, da bin ich mir sicher. Dieses Band war ungewöhnlich, aber es stand ihr gut. Ich erinnere mich, dass sie einen sehr energischen Eindruck gemacht hat. Sie war richtig wütend auf diese Terrorgruppe.“ Heinz konnte seine Blicke nicht abwenden. „Je länger ich hinschaue, desto sicherer bin ich mir, dass sie es ist.“

„Wahrscheinlich hast du Recht. Vielleicht fliegt sie nach Afrika, denn in ihrer Warteschlange stehen viele Dunkelhäutige“, meinte Christa. 

 „Ich bin mir ganz sicher, ja, das ist die Frau aus dem Fernsehen. Ich erinnere mich jetzt, dass sie von zwei Kindern gesprochen hat und von ihrem deutschen Mann, der sie bei ihrer Hilfsaktion unterstützt. Ich erinnere mich an ihr apartes Aussehen, sie ist es.“ Heinz war sich seiner Sache sicher.

„Der Mann macht auch einen netten Eindruck“, sagte seine Frau. „Ich kann mir gut vorstellen, wie das war. Der Mann ist nach Afrika gereist, vielleicht im Urlaub, und dort hat er sich in die Afrikanerin verliebt. Liebe ist nun mal eine Naturgewalt. Wahrscheinlich haben sie es nicht ganz leicht in Deutschland, es ist bestimmt nicht einfach für sie.“

Heinz nickte zustimmend. „Ja, einmal der Unterschied in den Kulturen, und dann womöglich Anfeindungen durch die Rechten. Die Rechten sind schlimm. Mir sind anständige, fleißige Afrikaner tausendmal lieber als asoziale Deutsche.“

Seine Frau war der gleichen Meinung. „Und manch ein Rechter ist irgendwann mal froh, wenn er von einem Ausländer im Altenheim gepflegt wird.“ Und sie fügte hinzu: „Ich wünsche der Familie viel Glück.“ Heinz nickte. 

Die Beiden schoben ihre Koffer weiter. Die Warteschlange vor ihnen war ein paar Meter kürzer geworden.

 


Hans Reiter
 


Bald erscheint hier eine neue Geschichte!


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